Schöne neue Schulwelt – Teil 3

von Gabriel Stängle

Im ersten Teil wurde gezeigt, worin der Charme der grenzenauflösenden Pädagogik liegt sowie die pädagogischen Wellen der letzten 15 Jahre aufgezeigt. Im zweiten Beitrag ging es um die Fragen:  Wieso sind die bildungspolitischen Diskurse vom Motiv der Entgrenzung geprägt? Dieser letzte Teil beschäftigt sich damit, was bedeutet es, in der pädagogischen Liminalität zu leben. Der Beitrag wurde zuerst in Glaube + Erziehung. Zeitschrift für christliche Erziehung  3/2017, S. 8-12  und unter dem Titel „Schärfung der pädagogische Urteilskraft  - mit Entgrenzungen umgehen“ in Glaube + Erziehung. Zeitschrift für christliche Erziehung  4/2018, S. 22-23 veröffentlicht.

Perspektiven für die Zukunft – Leben in der pädagogischen Liminalität

Grenze und Grenzüberschreitung

Wie verhalten sich also Grenze und Grenzüberschreitung zueinander? Grenzüberschreitungen gehören ganz elementar zur Bildung. Sie sind eine Dimension menschlichen Daseins. Im Unterricht werden die Kreativität der Schülerinnen und Schüler, aber auch deren Neugier, Offenheit und ihr Forscherdrang gefördert. Ebenso sehen wir die Grenzen, die überschritten werden können und auch überschritten werden sollen im Sport, in der Musik und vor allem in der Kunst. Grenzüberschreitungen erleben wir auch in der Aggressivität, Gier und Destruktivität des menschlichen Daseins. Grenzen sind folglich nicht nur hemmend und einengend, sondern notwendig, vor allem für die Schwachen, die Schutz bedürfen.(18) Gerade in der Inklusionsdebatte gilt dies zu beachten. Deshalb gehört die Frage, wo Grenzen gezogen und Grenzen überwunden werden und wie mit Grenzen umzugehen ist, zum Zentrum pädagogischen Handelns.

Unterscheidung

Wir brauchen, wenn wir über das Thema Entgrenzung reden, eine Unterscheidung von  frontier und barrier. Das Englische unterscheidet zwischen diesen Begriffen: Frontier meint die Grenze, die wir immer weiter dehnen, verschieben oder auch sprengen. Sie treibt uns zu Höchstleistungen in Bildung, Sport, Wissenschaft und Kunst. Die barrier dagegen ist die Grenze, die uns kostbar ist. Sie schützt uns. Solch eine Barriere ist unsere Haut, genauso der Spamfilter im Laptop, Gartenzäune, Staatsgrenzen, sowie Normen und Gesetze. Sie alle geben uns das Gefühl von Sicherheit. Wir fragen uns: Was sind in unsrer Schule, Unterricht und Beziehungen die barriers, die nicht verhandelbar sind? In welchen schulischen Bereichen brauchen wir die Grenzüberschreitung der frontier? (19)

Das Bild von der frontier und der barrier muss vielleicht durch ein weiteres ergänzt werden, durch das des Hindernisses und der Leitplanke. Ein Hindernis hemmt uns in unserer Entwicklung, und jeder, der im Leben vorankommen will, muss Hindernisse überwinden. Wer erfolgreich überwindet, wird mit einem Zuwachs an Wissen, Weisheit, Kraft und Fähigkeiten belohnt. Eine Leitplanke ist jedoch ein Rückhaltesystem, das ein Fahrzeug vor Unfall und Absturz bewahrt. Wer eine Leitplanke durchbricht, der riskiert Verletzungen, Leid und Schmerz. Interessanterweise wird uns heute das Durchbrechen von Leitplanken immer mehr als pädagogischer Heilsweg gepredigt. Dies wird vor allem am „linken“ Prinzip der Entgrenzung deutlich: „Das hat mit dem Egalitarismus, dem Machbarkeitswahn, der Systemkritik, dem Hedonismus und dem Humanitarismus der Linken zu tun. Es ist sozusagen ihr transzendentaler, Grenzen überschreitender Glaube.“ (20) Der Beobachtung des Philosophen Konrad Paul Liessmann ist in dieser Situation zuzustimmen: „Die Öffnung von Grenzen ist weniger Ausdruck eines politischen Programms, sondern vielmehr Effekt einer Krise der Politik.“ (21)

Differenzierte Betrachtung von Entgrenzung

Als Lehrer fielen mir die Folgen dieser Entgrenzung zu allererst auf, als es darum ging, was uns bildungspolitisch als Pädagoginnen und Pädagogen immer neu aufgebürdet werden sollte. Wer den Durchlauf verschiedener Bildungspläne, die Implementierungen von Schul- und Fachcurricula erlebt hat und daneben noch eine ganze Reihe weiterer Kompetenzförderungs- und Präventionsprogramme initiiert hat, (22) der weiß, dass eine bloße Addition zum normalen Unterricht noch kein „mehr“ an besserer Bildung nach sich zieht. Auf die Folgen der Entgrenzung bei Schülerinnen und Schülern macht Josef Kraus aufmerksam, indem er klar macht, dass Entgrenzungen eben nicht per se Fortschritte darstellen, sondern vielmehr Orientierungslosigkeit hervorrufen können. Kaschiert wird das mit einem entgrenzten Hyperindividualismus, der so Kraus, zur Konformität neigt: „Ein geradezu heiliges Selbst ist angesagt – durch Selbstbestimmung, Selbstentfaltung, Selbsterfahrung, Selbstevaluation, Selbstvergewisserung, Selbstverwirklichung, Selbstwerdung, Selbstwirksamkeit, Selbstzentrierung. Was leider begrenzt fehlt, sind Selbstbeherrschung, Selbstbesinnung, Selbstdisziplin, Selbstironie, Selbstkritik, Selbstlosigkeit. Die Folgen werden sein: Selbstbetrug, Selbstgefälligkeit, Selbstherrlichkeit, Selbstsucht, Selbsttäuschung, Selbstüberschätzung und dergleichen mehr.“ (23) Zuletzt geht es auch um die Folgen für das Schulsystem. Die Vielzahl ineinander laufender Wellen hat eben häufig keine Entlastung oder Erleichterung der pädagogischen Arbeit gebracht, sondern das System Schule vielerorts an den Rand der Überforderung gebracht. (24)

Pädagogische Gelassenheit

Angesichts dieser Folgen hat die differenzierte Betrachtung des Begriffs der Entgrenzung  oberste Priorität. Ich glaube, dass Liessmann richtig beobachtet, wenn er sagt: „Bildung ist keine Katastrophe, Bildung ist auch keine Religion. Und vor allem: Bildung löst nicht alle Probleme.“ (25) Diese schlichte Einsicht würde m.E. vielen weiterhelfen:

  1. Den Ausweg aus dem Katastrophenmodus wissen,
  2. das Wissen stärken, dass Ideologien noch nie Heil gebracht haben. Wer dem eschatologischen Vorbehalt keine Beachtung schenkt, ist anfällig für Totalitarismus (26) und
  3. dass die Schule nicht alle Probleme dieser Welt lösen muss und nicht lösen kann.

Der postulierten Fortschrittsgläubigkeit und Dauerreformrhetorik sollte eine pädagogische Gelassenheit entgegentreten. Dort wo Schulen sich gut entwickeln, sollten man sie arbeiten lassen, gemäß dem Satz: „Never touch a running system.“ „Erfolgreiche Institutionen haben wenig Grund, sich ständig zu verändern; dass eine Einrichtung sich kaum wandelt, könnte auch als Indiz für ihre Sinnhaftigkeit und Funktionalität interpretiert werden; und es wäre doch möglich, dass Unterricht ein kommunikatives Verhalten darstellt, das aufgrund seiner Logik nur wenig Modifikationen und Variationen zulassen kann, ohne zu versagen: »Könnte es nicht sein, dass sich zwar Vieles wandelt, aber ein paar wichtige Dinge nicht oder nur unwesentlich? Und könnte es sein, dass das pädagogische Feld nur begrenzt innovierbar ist«?“ (27)

Wachsamkeit

In historischer Perspektive wird deutlich, dass alles möglich ist, und das innerhalb kürzester Zeit. Entgrenzungen, was also vor kurzem noch unvorstellbar war, kann in einiger Zeit gängige Praxis sein. (28) Der Historiker Andreas Rödder hat dies treffend beschrieben: „Die allgemein akzeptierten Werte sind die Voraussetzung für Barrierefreiheit für Behinderte oder für die Tötung sogenannten „menschenunwerten Lebens“, für gender mainstreaming ebenso wie für Kinderlosigkeit als normal gewordene Lebensform, für Antidiskriminierung, Straffreiheit von Abtreibung oder Toleranz – sie bedingen, alles zusammen und ganz zugespitzt, Menschenrechte ebenso wie Massenmord.“ (29) Der Rahmen der allgemein akzeptierten Werte und die daraus abgeleiteten Normen sind kollektiv handlungsleitend. Weil es in unserem scheinbaren „postfaktischen Zeitalter“ keine überzeitlichen, unverrückbaren gültigen Werte gibt, müssen die allgemein verbindlichen Werte gesetzt werden.

Rekonstruktion

Was passiert, wenn die Wahrheit zur Disposition gestellt wird, kann man am (De-)Konstruktivismus beobachten. Er hat unsere Gesellschaft in ein intellektuelles Trümmerfeld verwandelt.  Wie ein Wiederaufbau - besonders im Hinblick auf das Bildungswesen - aussehen kann, skizziert der indische Sozialreformer Vishal Mangalwadi. (30) Er hat mit seinen Büchern (31) einen Weckruf geleistet. Was passiert, wenn die Wahrheit zur Disposition gestellt wird? In den letzten drei Jahren haben wir Zehntausende gesehen, die für die Freiheit der Wissenschaft auf die Straße gingen. Frank Walter Steinmeier beschrieb in einem Artikel in der FAZ 2016 eindrücklich eine „tödliche Gefahr für unser politisches Gemeinwesen“. Die aktuellen Debatten würden nicht mehr auf der Grundlage von Fakten geführt. Die digitale Revolution und mit ihr das Schrumpfen von Zeit und Raum führe zu objektiven Überforderungen und produziere Gegenreaktionen: „Angst vor Identitätsverlust, Rückbesinnung auf Nation, Ethnie, Religion, auf das, was leichter Sicherheit und festen Boden unter den Füßen verschafft.“ (32) Was Steinmeier hier in erstaunlicher Offenheit formuliert, ist der Krisenzustand einer Politik der Entgrenzung. Das ist die zentrale Herausforderung schulischer Bildung heute, die auch Steinmeier richtig erkannt hat: „Wir müssen in unsere Urteilskraft investieren, in jene Institutionen und Systeme, die in unseren Gesellschaften Wahrheit produzieren‘: Schulen, Wissenschaft, Justiz, aber auch die Medien.“ (33) Wie kann das funktionieren? Die vier großen pädagogischen Fragen, die Immanuel Kant gestellt hat, gehören zurück in das Zentrum der bildungspolitischen Diskussion:

  1. Was kann ich wissen?
  2. Was soll ich tun?
  3. Was darf ich hoffen?
  4. Was ist der Mensch?

Im gegenwärtigen Kompetenz-, Inklusion- und dem „neue Lernkultur“ Taumel werden diese Fragen jedoch nirgendwo gestellt.

Quellen

  • 18 Liessmann, Konrad Paul. 2012. Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft. Wien: Paul Zsolany Verlag, S. 39-40
  • 19 Matthiass, Michael. 2016. Jenseits der Grenzen, in: Reihe 5. Das Magazin der Staatstheater Stuttgart. Nr. 5 Sept-Nov 2016, S. 19.
  • 20 Kraus, Josef. 2018. 50 Jahre Umerziehung. Die 68er und ihre Hinterlassenschaften. Lüdingshausen/Berlin: Manuscriptum Verlag, S. 81.
  • 21 Liessmann 2012:36.
  • 22 z.B. Stängle, Gabriel. 2016. Soziale Kompetenzen lernen. Eine qualitative Auswertung des Lions-Quest-Programms „Erwachsen werden“. Wiesbaden: Springer VS.
  • 23 Kraus 2018:85.
  • 24 Vgl. dazu Liessmann, Konrad Paul. 2014. Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Müchen/Berlin/Zürich: Piper und Kraus, Josef. 2017. Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt. Und was Eltern jetzt wissen müssen. München: Herbig.
  • 25 Liessmann 2014:29.
  • 26 Vgl. Kraus 2018:33f.
  • 27 Liessmann 2014:119.
  • 28 Rödder 2008:16-19.
  • 29 Rödder 2008:17.
  • 30 Mangalwadi, Vishal. 2016. Wahrheit und Wandlung. Was Europa heute braucht. Basel: fontis, S: 315-325 und Mangalwadi, Vishal. 2014. Das Buch der Mitte. Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur. Basel: fontis, S. 2014:231-252 und 504-530.
  • 31 Mangalwadi 2014 und 2016.
  • 32 Steinmeier, Frank. 2016. Eine tödliche Gefahr für unsere Demokratie, in: FAZ vom 5.11.2016.
  • 33 Steinmeier 2016.

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