Schöne neue Schulwelt – Teil 2

von Gabriel Stängle

Im ersten Teil des Beitrags wurde gezeigt, worin der Charme der grenzenauflösenden Pädagogik liegt und die pädagogischen Wellen der letzten 15 Jahre aufgezeigt. In diesem Beitrag geht es um die Frage, wieso die bildungspolitischen Diskurse vom Motiv der Entgrenzung geprägt sind. Der letzte Teil beschäftigt sich damit was bedeutet es, in der pädagogischen Liminalität zu leben. Der Beitrag wurde zuerst in Glaube + Erziehung. Zeitschrift für christliche Erziehung  3/2017, S. 8-12 veröffentlicht.

Wieso sind die bildungspolitischen Diskurse von dem Motiv der Entgrenzung geprägt?

Bis 1989 lebten wir in Mitteleuropa in einem Zustand, in dem Grenzen Fakt waren. Von Ost nach West waren diese kaum überwindbar. Das Leben war bedroht, nicht umsonst nannte man dieses Zeitalter den „Kalten Krieg“. Seither leben wir in einer Phase der Entgrenzung – zuerst durch die deutsche Wiedervereinigung. Der EU-Beitritt einer ganzen Reihe von ost- und südosteuropäischen Ländern hat diesen Prozess weitergeführt, die weltweite Globalisierung hat ihn intensiviert.

(De)konstruktivismus

Der Aufstieg dessen, was wir heute als die Kultur der Entgrenzung verstehen, setzte schon früher ein. Die akademischen Debatten der 1970er und 1980er Jahre in Frankreich und den USA erzielten eine große Wirkung. (7) Der postmoderne (De)konstruktivismus besagt, dass alles ein Produkt von Kommunikation und kommunikativ verhandelter Sinnzuschreibung ist. Der französische Philosoph Michel Foucault legte dar, dass Sprache nicht nur beschreibt, sondern auch festlegt, was als Wahrheit gilt. Ordnungen seien Produkte von Interessen und der Ausübung von Herrschaft durch Ausgrenzung. Die Ordnung der Dinge sowie die Kategorien des Denkens seien lediglich konstruiert, d.h. sprachlich erzeugt. Einen Schritt weiter ging Judith Butler, die meinte, dass körperliche Gestalt nicht durch eine vorgängige Materialität bestimmt wird, sondern durch Diskurse und performative Akte. „Bislang scheinbar harmlose Vorstellungen von Normalität waren nichts anderes als Machtinstrumente zur Exklusion des „Anderen“, von Rasse, Frauen, Homosexuellen, Irren und sonstigen Minderheiten.“ (8)

(De)konstruktion von…

Der Konstruktivismus, radikal zu Ende gedacht, stellt alles in Frage: Ehe, Familie, das Wesen der Person und das Gewissen, Recht und Werte, die Unterscheidung von falsch und richtig und letztlich auch von gut und böse. (9) Am deutlichsten wird es bei den Themen Nation, Kultur (Schule und Unterricht), Ehe und Familie und der Frage nach den Geschlechtern. Alle diese Themen stiften Identität. Wo diese aufgebrochen werden, wird Identität verwischt, neu erfunden oder zerstört. Zum Beispiel:

  • wenn es um die Nation geht – Stichwort Massenzuwanderung und die immer wieder unterdrückte Leitkulturdebatte, was denn eigentlich unser Land zusammenhält,
  • wenn es um das Erlernen von Kulturtechniken geht – also um Unterricht und Schule und Stichworte wie „neue Lernkultur“ oder Gemeinschaftsschule,
  • wenn es um die Familie geht – Fremdbetreuung des Kindes schon nach wenigen Wochen nach der Geburt, Ausbau der Ganztagsschule, Einführung der Ehe für alle, eine genderorientierte Steuerpolitik,
  • wenn es um die Geschlechter geht – grün-rote Aktions- und Bildungspläne, die die Akzeptanz sexueller Vielfalt propagieren, die Einführung eines dritten Geschlechts und die Unterstützung von geschlechtsanpassenden Operationen durch den Kassenbeitrag aller Versicherten. Die Liste ließe sich erweitern.

Rhetorik der Grenzüberschreitung und ihre Auswirkung

In Politik, Massenmedien und Kulturwissenschaften ist die binäre Definition des Grenzphänomens einer Auffassung von Grenzen als Räumen gewichen: Räume des Übergangs, des Sich-Vermischens, der Akzeptanz von Vielfalt. Am Deutlichsten wird dies an den verschiedenen pädagogischen Ideologien, die alle Inklusion ohne Exklusion fordern oder an den Gender-Theorien mit der Auflösung der binären Orientierung von Mann und Frau.

Die Auswirkungen der Politik der Entgrenzung auf Gesellschaft, Wirtschaft und Familien zeichnen sich jetzt schon ab: Die Folge ist ein Mensch, der seiner natürlichen Umwelt entwöhnt ist. Eine Person, die in allen möglichen Bereichen, die ihr in ihrer Identitätsfindung Orientierung geben, unter Beschuss steht. Ein Mensch, der schon in seiner frühesten Kindheit hoch traumatisierende Erlebnisse verarbeiten muss. Ein Schüler, der nicht mehr Subjekt des Bildungsprozesses ist, sondern sich an eine neoliberale Konsumwelt gewöhnt. Kurz: Es ist der autonome Mensch. (10) Alexis de Tocqueville hat in seinem Werk über Die Demokratie in Amerika eine Gesellschaft vorausgesehen, in der apolitische, privatisierte Einzelne sich einem sinnlosen, nur auf materielle Genüsse ausgerichteten Leben hingeben. In dieser Gesellschaft leben die Menschen einsam, um sich selbst kreisend, und sind nicht mehr fähig, den Anteil an Aktivität und Einsatz zu erbringen, ohne den auf Dauer keine Demokratie überleben kann. (11)

Müdigkeitsgesellschaft, Burnoutgesellschaft

Der an der Universität der Künste in Berlin lehrende Philosoph Byung-Chul Han schaut auf die gegenwärtige Leistungsgesellschaft durch die Perspektive ihrer Leitkrankheiten: Das 20. Jahrhundert war das immunologische oder virale Zeitalter. Diese Epoche war geprägt von einer klaren Trennung von Innen und Außen, Freund und Feind, Eigenem und Fremdem. Gegenstand der Immunabwehr ist die Fremdheit.

Heute ist unsere Gesellschaft nicht mehr immunologisch organisiert. Sie zeichnet sich durch ein Verschwinden der Andersartigkeit und Fremdheit aus. Differenz statt Andersheit ist die gängige Formel. „Die postimmunologische, ja postmoderne Differenz macht nicht mehr krank. Auf der immunlogischen Ebene ist sie das Gleiche. Der Differenz fehlt gleichsam der Stachel der Fremdheit, der eine heftige Immunreaktion auslösen würde.“ (12) „Die immunologisch organisierte Welt hat(te) eine besondere Topologie. Sie ist von Grenzen, Übergängen und Schwellen, von Zäunen, Gräben und Mauern geprägt. Sie verhindern den universalen Tausch- und Austauschprozess.“ (13) Das immunologisch Andere ist das Negative, das in das Eigene eindringt und es zu negieren versucht. Die immunologische Selbstbehauptung folgt der Negation der Negation, zum Beispiel der Impfung. (14)

Heute argumentiert Han, leben wir im neuronalen Zeitalter. Das 21. Jahrhundert ist geprägt durch neuronale Krankheiten wie Depression, ADHS, Borderline-Persönlichkeitsstörung oder das Burn-out-Syndrom. Es sind Infarkte, nicht Infekte, sie kommen durch ein Übermaß an Positivität zu Stande, nicht wie im immunologischen Zeitalter durch ein Übermaß an Negativität. (15) Die Gewalt geht von der Positivität aus. Das Gleiche führt nicht zur Bildung von Antikörpern. Es führt zu einer digestiv (verdauungsmäßigen) und neuronalen Abreaktion und Ablehnung: Erschöpfung, Ermüdung, Erstickung. Das Übermaß an Positivität führt wie bei Krebszellen zu endlosem Wuchern, Auswuchs und Metastasen. Die Gewalt der Positivität ist einer unmittelbaren Wahrnehmung unzugänglich. Neuronale Gewalt ist eine dem System immanente Gewalt: zuviel des Gleichen, Vermassung des Positiven.

Wir leben nicht mehr in einer Disziplinargesellschaft, die Foucaults kritisierte, sondern in einer Leistungsgesellschaft. Wir sind Leistungssubjekte, „Unternehmer unserer Selbst“. Die Disziplinargesellschaft ist bestimmt von der Negativität des Verbots. Die Leistungsgesellschaft ist bestimmt von Projekt, Initiative und Motivation. „Die Disziplinargesellschaft ist noch vom Nein beherrscht. Ihre Negativität erzeugt Verrückte und Verbrecher. Die Leitungsgesellschaft bringt dagegen Depressive und Versager hervor.“ (16) Der Paradigmenwechsel von Disziplinar- zur Leistungsgesellschaft vollzieht sich als Kontinuität. Das Unbewusste schaltet vom „sollen“ auf „können“ um. Zwischen dem ersten und dem zweiten entsteht kein Bruch, sondern eine Kontinuität.

Im Bildungsbereich haben wir genau diesen Prozess in den letzten zwei Jahrzehnten vollzogen: vom Input- („das sollst du wissen“) zum Output- („das sollst du können“) Bildungsplan 2004. Ebenso die Verschiebung von der Idee der Bildung zur Idee der Kompetenzorientierung. Vom mündigen Bildungssubjekt zum „Lerner seiner Selbst“ – in Anlehnung an das neo-liberale Menschenbild. „Die heutige Leistungsgesellschaft mit ihrer Idee der Freiheit und Deregulierung baut massiv Schranken und Verbote ab, die die Disziplinargesellschaft ausmachen. Eine totale Entgrenzung und Schrankenlosigkeit, ja eine allgemeine Promiskuität ist die Folge.“ (17) Wir haben eine neue Schulart, in der es letztlich keine Negativität mehr gibt, sondern ein Übermaß an Positivität. Das ist die große Verheißung, aber gleichzeitig auch das große Problem der Gemeinschaftsschule. Die Wanderprediger der „neuen Lernkultur“, die Lobbygruppen der LSBT-Bewegung (Lesbisch-Schwul-Bisexuell-Transgender), die Vordenker der OECD und der Bertelsmann-Stiftung, wollen uns alle von der Last der Disziplinargesellschaft befreien. Dazu bedienen sie sich des Inklusions-, Vielfalts-, Gerechtigkeits- und Befreiungsmotivs.

Quellen

  • 7 Rödder, Andreas. 2014. Wohin führt die Kultur der Inklusion?, in: FAZ vom 7.07.2014, S. 6.
  • 8 Rödder, Andreas. 2015. 21.0. Eine Kurze Geschichte der Gegenwart. München: C.H. Beck, S. 107.
  • 9 Rödder, Andreas. 2008. Werte und Wertewandel. Historisch-politische Perspektiven, in: ders et al. 2008. Alte Werte – Neue Werte. Schlaglichter des Wertewandels. Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht, S. 11.
  • 10 Rohrmoser, Günter. 1999. Kampf um die Mitte. Der Moderne Konservatismus nach dem Scheitern der Ideologien. München: OLZOG, S. 274f.
  • 11 Tocqueville, Alexis de. 1984. Über die Demokratie in Amerika. 2. Auflage. München: dtv.
  • 12 Han, Byung-Chul. 2016. Müdigkeitsgesellschaft. Um die Essays Burnoutgesellschaft und Hoch-Zeit erweiterte Neuausgabe. Berlin: Matthes & Seitz, S. 9.
  • 13 Han 2016:11.
  • 14 Han 2016:12.
  • 15 Han 2016: 7.
  • 16 Han 2016:20.
  • 17 Han 2016:72.

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