Schöne neue Schulwelt – Teil 1

von Gabriel Stängle

Zu Beginn möchte ich zeigen, worin der Charme der grenzenauflösenden Pädagogik liegt. Danach skizziere ich die pädagogischen Wellen der letzten 15 Jahre. Der Beitrag wurde zuerst in Glaube + Erziehung. Zeitschrift für christliche Erziehung 3/2017, S. 8-12 veröffentlicht.

Vom Charme der grenzenauflösenden Pädagogik

Vor knapp zehn Jahren begann ich berufsbegleitend mit einem Theologiestudium. Dabei fiel mir auf, dass die Konzepte der gegenwärtigen Bildungspolitik durchgehend von einer theologischen Sprache im säkularen Gewand durchdrungen sind. Dabei handelt es sich entweder um schöpfungstheologische oder um Heilsbegriffe:

  • Inklusion: Keiner soll ausgegrenzt werden und verloren gehen. Stattdessen ist eine Schule vorgesehen, die nicht nach Herkunft, Leistung, Behinderung oder Begabung Kinder aussortiert. In der Schwächere nicht abgeschult werden oder mit dem Stigma behaftet werden, es nicht geschafft zu haben und ein Jahr wiederholen zu müssen.
  • Vielfalt: „Diversität“ spiegelt die Schöpfung wider. Diese Vielfalt gilt es zu unterstützen. Wenn jedes Kind hochbegabt ist, muss sich die Schule um diese Talente kümmern und etwas aus ihnen machen. Dann muss Schule dem Kind gerecht werden und nicht das Kind der Schule.
  • Gerechtigkeit: Die Schule soll die Teilhabe aller Beteiligten fördern und für Bildungsgerechtigkeit sorgen. Jedem Kind soll optimale individuelle Förderung zukommen. Soziale Herkunft und Bildungserfolg müssen voneinander entkoppelt werden.
  • Befreiung: Der Zwang beim Lernen der Sprache soll abgelegt werden (Schreiben durch Hören), die Einengung durch Noten und Zensuren muss überwunden werden. Der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung ermöglicht es Eltern, nach ihrer Einschätzung des Kindes die für dieses Kind richtige Schule zu wählen. Schließlich können Schüler im Unterreicht nach Konzepten der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ in ihrer sexuellen Identität Befreiung durch Coming-out und Rollenspiele erleben.

Was die Konzepte eint, ist die Vorstellung, dass die Zukunft eine bessere ist als der gegenwärtige Zustand. An die Lehrkräfte wird der Anspruch gestellt, diese bessere Zukunft zu schaffen. An zwei zentralen Einsichten merkt man aber, dass die Ideen dem Baukasten links-sozialistischer Vorstellungen entspringen und weniger christlich motiviert sind. Bei letzterem ist immer die Einsicht vorhanden, dass der Zustand der Bildungsperfektion nicht aus menschlicher Anstrengung heraus machbar ist. Für die Pädagogik bedeutet das, dass jede noch so wohlgemeinte Utopie in den Totalitarismus kippt, wenn die eigene Machbarkeit verabsolutiert wird. Die zweite Einsicht, die links-sozialistischen Pädagogen fehlt, ist eine weitere Erkenntnis, die dem christlichen Glauben entspringt.  Dem pädagogischen Anspruch an die Lehrkräfte geht der göttliche Zuspruch voraus. Das fehlt in den Diskursen um diese Begriffe. Sie werden vielmehr als einklagbares Recht verstanden. Nach jahrelangem Eintrichtern von neuen Reformideen von Seiten der Politik, Gesellschaft, Kultusbürokratie, erlebe ich viele Kolleginnen und Kollegen die sich wie im Hamsterrad gefangen vorkommen.

Die pädagogischen Wellen der letzten 15 Jahre

Vor mehr als 15 Jahren fing ich an, als Lehrer zu arbeiten. Zwei Wochen nach der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie wurden wir angehenden Referendare im Lehrerseminar als „Generation PISA“ begrüßt. Mit der empirischen Gewissheit, wo die Schwächen deutscher Schüler liegen, und mit dem Handwerkszeug des ersten kompetenzorientierten Bildungsplans 2004 in Deutschland wurde ich mit vielen anderen auf die Schule losgelassen. Wenn ich auf die großen Trends der Pädagogik dieser Jahre schaue, dann sind sie geprägt von einer Abräumlaune. Der ehemalige Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, bezeichnet das als „Strategie der schöpferischen Zerstörung.“ (1) In der Abräumlaune treffen sich die Vorstellungen von Neoliberalismus und Sozialismus. Dem Neoliberalismus „geht es um die Zerstörung von alten und die Schaffung von neuen Strukturen, die Marktanteile erobern und mehr Profit abwerfen lassen; im Sozialismus geht es um die Zerstörung von bürgerlichen Strukturen, insbesondere der Familie als Hort des Widerstandes gegen kollektivistische, staatliche Übergriffe.“ (2)

Ich möchte als Veranschaulichung das Bild einer Welle, genauer einer Tsunami-Welle, gebrauchen. Das Epizentrum kann sehr weit von dem Ort entfernt sein, auf den die Welle mit einer ungeheuren Wucht trifft und oft große Zerstörung anrichtet. Die eigentliche Gefahr der Welle ist mit dem bloßen Auge auf dem Meer so gut wie nicht sichtbar. Bevor die Welle auf das Land trifft, kommt es zu einem eigenartigen Phänomen. Das Wasser zieht sich von der Küste zurück. Die Welle kommt umso unvermittelter und hat je nach Höhe eine Wucht, die alles mit sich reißt. Wenn das Wasser viele Kilometer landeinwärts gedrungen ist, fließt es zurück und zieht noch einmal Vieles mit sich ins Meer.

Ich möchte einige dieser pädagogischen Wellen beschreiben. Alle sind mit einem Versprechen oder der  Verheißung gestartet, dass alles besser werden soll. Einige sind etwas größere Strandwellen, andere haben verheerende Wirkungen. Ihr Ursprung, das Epizentrum, liegt häufig weit vom eigentlichen Ort des pädagogischen Geschehens entfernt. Wellen, die aus verschiedenen Richtungen kommen, können sich gegenseitig abschwächen oder auch zu einer Monsterwelle anwachsen.

Kompetenzorientierung

Die Kompetenzorientierung im Bildungsplan 2004 nach dem PISA-Schock zur Jahrtausendwende brachte: Entschlackung der Fächer, Freiräume für die Entwicklung des Schulcurriculums von der Input- zur Outputorientierung, Auflösung der Fächer (die das vernetzte Denken einengen, zugunsten von Fächerverbünden), die Aufnahme der Sach-, Personal-, Sozial- und Methodenkompetenz, usw.

Inklusion

Die Inklusion, die nach der Verabschiedung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen 2006 die bildungspolitischen Diskurse bestimmte, wurde mit drei Stoßrichtungen geführt: 1. dass alle Kinder auf die gleiche Schule gehen, 2. dass behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam lernen und es 3. keine Sonder-Schule mehr geben soll.

Gemeinschaftsschule

Der politische Richtungswechsel nach der Landtagswahl 2011 in Baden-Württemberg und die Einführung der Gemeinschaftsschule brachten eine ganze Reihe von revolutionären Umwälzungen. Die verbindliche Grundschulempfehlung wurde abgeschafft, das Stufenlehramt zugunsten der schulartbezogenen Ausbildung eingeführt. Die UN-Behindertenkonvention sollte konsequent umgesetzt werden, mit der „Schule für alle“ sollten die Schüler bis zum Ende des 10. Klasse gemeinsam lernen. Die Dreigliedrigkeit des Bildungssystems sollte zugunsten eines Zwei-Säulenmodells überwunden werden. Noten und Zeugnisse wurden völlig neu gestaltet. Der lehrerzentrierte Klassenunterricht kam auf den Müllhaufen der Geschichte und über das Sitzenbleiben sollte man zukünftig nur noch in Geschichtsbüchern lesen, weil jeder in seinem Tempo optimal lernen kann. Das flächendeckende Angebot von Haupt- und Werkrealschulen, die ohnehin unter einem starken Schülerschwund zu leiden hatten, wurde abgewickelt – ein Prozess, der bis heute anhält.

Ganztagesschulen

Die Umstellung der Schulen von Halbtags- auf Ganztagesschulen war die nächste Welle. Legendär ist der Ausspruch des SPD-Politikers Olaf Scholz, der 2002 meinte, der Staat oder die Politiker müssten „die Lufthoheit über den Kinderbetten zu erobern“ und eine Ganztagsbetreuung „von der Geburt bis zum Ende der Schulzeit“ zu schaffen. In der gleichen Zeit war es das Ziel von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, „das deutsche Bildungssystem in zehn Jahren wieder an die Weltspitze [zu] bringen.“ Da bräuchte gute Bildung nun mal Zeit. (3)

Akzeptanz sexueller Vielfalt

Die ideologisch geführte Implementierung von „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ in den damaligen Leitlinien des entstehenden Bildungsplans 2015 haben Baden-Württemberg zwischen 2014-15 zum Schauplatz eines regelrechten Kulturkampfes werden lassen. Der um ein Jahr verschobene Bildungsplan 2016 hat dann die ursprünglichen Vorstellungen stark modifiziert.

Bildungsplan 2016

Was im Bildungsplan 2016 konsequent weitergedacht wurde, war die Kompetenzorientierung mit den drei verschiedenen Niveaustufen und der nicht schulartorientierten, sondern abschlussbezogenen Ausrichtung und die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache in Bildungsplan und Schulbüchern.

Umgang mit der deutschen Sprache

Die pädagogischen Sünden im Umgang mit der deutschen Sprache im Land der Dichter und Denker wurde im  IQB-Ländervergleich 2015 (4) beim Absturz Baden-Württembergs von Platz 2 auf Platz 14 deutlich. Überrascht hat das die wenigsten Lehrkräfte. Die Rechtschreibung ist schon seit einigen Jahren zur Schlechtschreibung degradiert, unter anderem durch die Heilslehren eines Schweizer Schulreformers. Dem ging das Chaos bei der Rechtschreibreform voraus sowie der Methodenwechsel beim Schrifterwerb (Druckschrift, lateinische oder vereinfachte Ausgangsschrift, usw.). Die Auswirkungen der Gender-Linguistik, die sich gerade durch den Bildungsplan 2016 entfaltet, stehen noch aus.

Digitalisierung der Schulen

Die Digitalisierung der Schulen soll eine webbasierte Unterrichtsweise ermöglichen, von der manche erwarten, dass so die Bildungsideale Wilhelm von Humboldts endlich Realität werden können (5). Vielleicht sollte man deutlicher von der Wiedereinführung des Nürnberger Trichters sprechen. Gerade hat die Hattie-Studie die geringe Wirkung von MOCCs dargelegt. (6)

In einem zweiten Beitrag geht es um die Frage: Wieso sind die bildungspolitischen Diskurse vom Motiv der Entgrenzung geprägt? Der dritte Beitrag beschäftigt sich mit der Frage was es bedeutet, in der pädagogischen Liminalität zu leben.

Quellen

  • Kraus, Josef. 2017 Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt. Und was Eltern jetzt wissen müssen. München: Herbig, S. 24.
  • Kraus 2017:24.
  • Kraus 2017:142-144.
  • IQB steht für das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen der Humboldt-Universität Berlin
  • Wie es neulich ein Professor des Hasso Platner-Instituts vorgeschlagen hat. Meinel, Christoph. 2017. Eine Vision für die Zukunft digitaler Bildung, in: FAZ vom 20.04.2017, S. 20-21.
  • Kraus 2017:97-111.

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