Josef Kraus: 50 Jahre Umerziehung

Die 68er und ihre Hinterlassenschaften - Eine Buchbesprechung

von Gabriel Stängle

2018 war das Jahr der großen Jubiläen und Jahrestage: dem 100jährigen Ende des Ersten Weltkriegs wurde gedacht und die Unterzeichnung der Allgemeinen Menschenrechtserklärung vor 70 Jahren gefeiert. In dieses Jubiläum reihte sich schließlich die Erinnerung an ein halbes Jahrhundert „1968“. Seit 1998 wird dieses Ereignis in den Feuilletons regelmäßig zum Mythos verklärt, dass damals der eigentliche demokratische Anfang der Bundesrepublik stattgefunden habe. Schon 2008 sorgte der Historiker Götz Aly, selbst ein Aktivist des damaligen Sozialistischen Arbeitskollektivs, mit seinem Buch Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück(1), für Furore, in dem er deutlich machte, dass Deutschland nicht wegen sondern trotz der „68er“ besser geworden wäre. Nun hat der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, sich mit den „68ern“ und ihren Hinterlassenschaften auseinandergesetzt mit dem vielsagenden Titel 50 Jahre Umerziehung. Kraus beteuert, nicht ins „68er Bashing“ einzustimmen.(2) Was er allerdings in 50 Jahre Umerziehung vorlegt, ist nichts weniger als die Dekonstruktion einer Bewegung mit ihrer Dogmengeschichte, ihren Hinterlassenschaften und ihrer ideologisierten Enkelgeneration. Seine Kernaussage lautet: „Was die echten und die späten 68er ihren Eltern vorwarfen, haben sie nie selbst praktiziert: ihre Ideologien aufzuarbeiten, vor allem ihre »pädagogischen«.“(3)

Auf dem Weg zur Umerziehung

Den Spannungsbogen der Dogmengeschichte von „1968“, den Kraus aufbaut, reicht von Jean-Jacques Rousseau über Ellen Key, John Dewey u.a. bis zur marxistischen „Frankfurter Schule“. Das linke Gesinnungsdiktat der Political, Historical und Educational Correctness sieht Kraus vor allem in den USA sein Unwesen treiben, das wiederum im deutschen 68er-Spross willige Nachahmer fand.(4) Hervorzuheben sind vor allem zwei Faktoren: Es sind vor allem die Leiden der Linken an der Westbindung der jungen Bundesrepublik, in der sie eine Kontinuität von Faschismus zur Bundesrepublik feststellten. Zum zweiten sahen sie in der historischen Schuld der Deutschen einen markanten Identitätsfaktor der Deutschen: Auschwitz wurde zum identitätsstiftenden Gründungsmythos der  BRD erklärt. Die Lösungsansätze lieferten nach dem Zweiten Weltkrieg die Amerikaner mit ihrem Konzept der Re-Education, der Umerziehung der Deutschen. Diese Sicht wurde in den beiden Nachkriegsjahrzehnten von immer mehr deutschen Intellektuellen übernommen. Die Aufgabe von Medien und der politischen Klasse sei es deshalb, in die Schuhe der Umerzieher - und der Rest der Bevölkerung in die der Umzuerziehenden - zu schlüpfen.(5)

Umerziehung durch Sprach- und Gesinnungsdiktate

Historisch betrachtet waren die Entnazifizierungsbemühungen der Alliierten und die Versuche der Umerziehung nur von mäßigem Erfolg geprägt. Das Konzept der Umerziehung elektrisierte dennoch die Linken. Wie setzt man Umerziehung am wirksamsten durch? Nach Kraus sind es die Sprach- und Gesinnungsdiktate der Political Correctness, die er als Erbe von „1968“ ansieht. Der Begriff der Political Correctness selbst wurde erst Ende der 1980er Jahre geprägt. Dass die Geburtsstunde der Political Correctness mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus zusammenhängt, deutet er als die Rache der Linken für diesen Zusammenbruch - oder zumindest als den Versuch, die Definitionshoheit zu gewinnen.  „Der politische Zweck der Political Correctness mit ihren Kult-, Prunk-, Kampf-, Imponier-, Fahnen-, Gesinnungs-, und Tabubegriffen, mit ihren Euphemismen und Kakophonismen und mit ihrer repressiven Toleranz ist klar: Es geht um die Eliminierung »rechter« Vorstellungen, wobei als rechts alles definiert wird, was nicht der eigenen Vorstellung entspricht. Es geht also um Normierung, Kanonisierung und Monopolisierung der Moral. Gemeinsam ist all den Wortgauklern, dass sie Bewusstseinslagen schaffen wollen, denen die Wirklichkeit dann folgen soll.“(6) Die Wortgaukelei beginnt für Kraus mit der Macht des „Wahrheits“-Kartells, das Wahrheit nicht mehr empirisch, sondern normativ a priori definiert und die Kategorien von wahr/unwahr durch gut/böse ersetzt. „Wer dann die Sprache kontrolliert oder diktiert, der kontrolliert und diktiert die Gedanken.“(7) Die alltägliche Verwendung von Hui-Begriffen der Political Correctness (z.B. werden aus Migranten Geflüchtete, Schutzsuchende, Schutzbefohlene), oder die Vermeidung von trigger- bzw. Auslöserbegriffen, die unangenehme Gefühle auslösen könnten, oder Pfui-Begriffen (wie „Flüchtlingskrise“, „Mohrenköpfe“), geht einher mit „Empathie“ und „virtue signalling“(„Zeichen setzen“, „Haltung zeigen“). Für Kraus zeigen sich darin eine Ent-Intellektualisierung und der Siegeszug der damals von den 68ern kritisierten „repressiven Toleranz“.(8)

Den 68ern und ihren Epigonen sei tatsächlich der Gang durch die Institutionen, aber auch der Marsch durch die Definitionen, gelungen. Den Rummel um Gender Mainstreaming hält Kraus für einen „rosa Marxismus“, der von antidiskriminierenden Sprachempfehlungen, von sprachlicher Dekonstruktion klassischer Geschichtsbilder über die Ansätze der gendersensiblen Bildung bis hin zu einer „Sexualpädagogik der Vielfalt“ reicht.(9)

Die pädagogischen Hinterlassenschaften

Der ehemalige Schulleiter Kraus sieht durchaus Positives: „Gewiss sind Schulen in Deutschland seit 1968 lebendiger, freier, sozial offener, unkomplizierter geworden. Das Verhältnis zwischen Lehrern, Eltern und Schülern hat sich entspannt.“(10) Unterm Strich hat aber linke oder moderne Pädagogik mit ihrem Versuch, eine „irrende“ und eine Unterschiede produzierende Natur zu korrigieren, mehr Unheil angerichtet.

Gegenwärtig werde die Bildungspolitik von zwei sich ergänzenden Glaubensgemeinschaften missioniert, von den PISA-Experten und der Bologna-Konfession. Bei der Ersteren „feiern Hohepriester der Einheitsschule – neben diversen Linken auch OECD, Bertelsmann und nicht wenige Bildungswissenschaftler – fröhlich Auferstehung. Ihr apokalyptisches Hosianna lautet: Mit dem deutschen »Pisa«-Ergebnis sei zugunsten eines »gerechten« Schulsystems endlich der Jüngste Tag für das gegliederte, leistungsorientierte Schulwesen angebrochen.“(11) Letztere hätten genauso ihre frohen Botschaften. Mit »Bachelor«, »Master«, »Workloads«, »Credit Points« würde Mobilität geschaffen, Modularisierung, »Employability« steigerten die Akademikerquote. Anhand vieler Beispiele zerlegt Kraus die Verheißungen dieser pädagogischen Missionierungskampagnen.(12)

Gesellschaftliche und politische Hinterlassenschaften

In den letzten Kapiteln des Buches geht Kraus mit den Vollendern von 68 (Sozialdemokraten, „Grünen“, Medien, der Wirtschaft, mit den antideutschen Multikulti-Ideologen und den Quereinsteigern von 68 - u.a. Angela Merkel) ins Gericht. Ebenso beleuchtet er das schizophrene Verhalten der Linken im Verhältnis zum Islam. Schließlich prangert er die Politisierung und Linksverschiebung der großen Kirchen an. Durch das Ausblenden von Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“, der Unterscheidung zwischen dem Geistlich-Religiösen und dem Weltlich-Politischen, drohen die Kirchen sich zu bloßen Moralagenturen zu degradieren und als linke Vorfeldorganisationen zu enden. Kurz und prägnant schreibt er: „Gottes Bodenpersonal jedoch betreibt einerseits seine eigene Säkularisierung und andererseits eine Sakralisierung von Politik.“(13)

Fazit

Schon 1999 schrieb der Philosoph Günter Rohrmoser: „Wer die Kulturrevolution von 1968 nicht versteht, der versteht die Bundesrepublik nicht. Dann versteht man aber auch all die Auffälligkeiten nicht, durch die unsere politische Kultur besonders gekennzeichnet ist.“(14) Daher ist dieses Buch für jeden, der Verantwortung in Bildung, Schule und Erziehung in unserem Land trägt, eine Pflichtlektüre.

Was dem Historiker Andreas Rödder mit seinem fulminanten Werk 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart(15) gelang, nämlich die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte aus der gegenwärtigen Sicht zu betrachten, das ist Josef Kraus mit seiner scharfsinnigen Analyse der 68er mit ihren Hinterlassenschaften gelungen. Die Stärken des Buches liegen in der Analyse, weniger in den Lösungsansätzen. Diese fallen dünn aus und sind eher in den Online-Kolumnen von Kraus(16) zu finden. Am Ende des Buches wird Kraus persönlich, indem er seine Motivation offenlegt und schreibt, dass ihn die Sorge um die jungen Menschen in unserem Land umtreibt und den um sich greifenden Bildungsabbau. Er möchte nicht, dass uns dieses Land noch fremder wird. Kraus wörtlich: „Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass Deutschland nicht ausschließlich zur politisch korrekten und gesinnungskonformen »Zivilgesellschaft« wird: gutmenschlich domestiziert, postnational, ständig sich selbst und andere umerziehend.“(17) Günter Rohrmoser meinte einst „1968 bedeutet: richtig gestellte Fragen, aber falsch gegebene Antworten.“(18) Josef Kraus würde dieser Einschätzung sicherlich zustimmen.

Quellen

  • 1 Aly, Götz. 2008. Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
  • 02 Kraus 2018. 50 Jahre Umerziehung. Die 68er und ihre Hinterlassenschaften. Lüdinghausen/Berlin: Manuscriptum, S. 17.
  • 3 Kraus 2018:86.
  • 4 Kraus 2018:11-12.
  • 5 Kraus 2018:32-44.
  • 6 Kraus 2018:48.
  • 7 Kraus 2018:46.
  • 8 Kraus 2018:49.
  • 9 Kraus 2018:59-72.
  • 10 Kraus 2018:86.
  • 11 Kraus 2018:90.
  • 12 Kraus 2018:90-92.
  • 13 Kraus 2018:165.
  • 14 Rohrmoser, Günter. 1999. Kampf um die Mitte. Der Moderne Konservatismus nach dem Scheitern der Ideologien. München: OLZOG, S. 148.
  • 15 Rödder, Andreas. 2014. 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. München: C.H. Beck.
  • 16 www.tichyseinblick.de https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/josef-kraus-lernen-und-bildung/
  • 17 Kraus 2018:177.
  • 18 Rohrmoser ebd.

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