Zum Streit um den Bildungsplan: Was wurde erreicht? – ein Blick zurück

Nach der Verabschiedung des Bildungsplans war in den Kommentaren öfters zu hören, dass der Bildungsplan ausgewogen wäre und dass die Kritik an der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ an den Haaren herbeigezogen worden wäre. Gibt das die Entwicklung der letzten zwei Jahre wieder? Wohl kaum.

In einem ersten Post haben wir gezeigt, dass in der Endfassung des Bildungsplans nur noch verklemmt über Sexualität gesprochen wird. Hier wollen wir aufzeigen, was am Anfang dieses Prozesses die Forderungen von SPD und Grünen waren und was am Ende in den Bildungsplan gekommen ist.

Die Grünen und ihre Vorstellungen zum Bildungsplan aus dem Jahr 2013

In dem Positionspapier zum Bildungsplan 2015[1] forderte die Landtagsfraktion der Grünen im Mai 2013, dass „sexuelle Orientierung und Akzeptanz sexueller Vielfalt verpflichtend in Form von Lerninhalten / -modulen im Bildungsplan als Querschnittsthema in den unter-schiedlichen Fächern und Klassenstufen, (…) verankert werden [müsste]“. Das gleiche sollte auch verpflichtend in der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte stattfinden. Die „Schulbücher und Lernmaterialien [seien] in diesem Sinne zu überarbeiten.“ Weiter sei „eine explizite Vorgabe in den fächerbezogenen Lehrplänen … nötig, in welchen Fächern und Jahrgängen sexuelle Vielfalt behandelt werden muss (Empfehlung: Prioritätenverschiebung weg vom naturwissenschaftlichen hin zum Ethik-Sozialkunde- oder Sprachenunterricht).“ Schließlich seien „die Richtlinien zur Sexualerziehung … in diesem Sinne zu überarbeiten.“

Was ist von diesen Ideen in der Endfassung des Bildungsplans übernommen worden? Die gute Nachricht zuerst: Das meiste ist Geschichte. Sowohl die Hervorhebung des Themas als „Akzeptanz sexueller Vielfalt“, als auch die Verankerung als Querschnittsthema, die Überarbeitung der Schulbücher, die fächerübergreifende Verankerung wie auch die Überarbeitung der Richtlinien zur Sexualerziehung sind rausgeflogen. Hier die Kurzübersicht:

Der Kampf der SPD Genossen gegen die Homophobie

Die SPD-Landtagsfraktion forderte in einem Arbeitspapier im Sommer 2013[2], in Biologie – im Rahmen der Sexualerziehung – Hetero-, Bi-, Homo- und Transsexualität als „Ausdrucksformen von Sexualität, die ohne Unterschiede im Wert zur Persönlichkeit eines betreffenden Menschen gehören“, darzustellen. In Gemeinschaftskunde sollte die Deklaration der Rechte für Homosexuelle zu Menschenrechten dargestellt werden. In Geschichte sollte insbesondere die Verfolgung und Deportation Homosexueller im Dritten Reich thematisiert werden; dazu auch die Situation während der Weimarer Republik oder die Toleranz gegenüber Homosexuellen in der Antike (sog. „Lustknaben“). Die Familie betreffend sollten verschiedene gelebte Familienmodelle, z.B. Patchwork-Familien, Alleinerziehende, Adoptiveltern, Kinder, die bei Großeltern aufwachsen und „Regenbogenfamilien“ dargestellt werden.

Was ist daraus geworden? In Biologie sollen nun Schülerinnen und Schüler die unterschiedlichen Formen der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität wertfrei darstellen und die Bedeutung der Sexualität, auch der gleichgeschlechtlichen, für die Partnerschaft beschreiben (S. 21). Die Vorstellungen der SPD für das Fach Gemeinschaftskunde sind Geschichte. Die Thematisierung der Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus im Fach Geschichte ist ein Vorstoß, der unterstützenswert ist. Gabriel Stängle, der Petent der Petition zum Bildungsplan, hat im vergangenen Schuljahr in einer historischen Projektarbeit über verfolgte Minderheiten mit seiner Klasse unter anderem das Schicksal eines Homosexuellen in Nagold erforscht. Er dürfte der erste Lehrer Baden-Württembergs sein, der diesen Ansatz des neuen Bildungsplans schon umgesetzt hat, noch bevor er in Kraft trat. Ideologisch wird es jedoch, wenn man die Toleranz gegenüber Lustknaben in der Antike thematisieren sollte. Jeder halbwegs historisch kundige Bürger weiß, dass hinter den antiken Lustknaben nicht die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ des Jahres 2001, sondern Abhängigkeitsverhältnisse mit pädophilien Tendenzen standen. Dies als vorbildlich zu charakterisieren ist menschenunwürdig. Die Aufzählung der verschiedenen gelebten Familienmodelle wurde gestrichen. Hier der Kurzüberblick:

Ist beim jetzt Bildungsplan alles gut?

Durch den neuen Bildungsplan entstehen unterschiedliche Freiräume, die bisher nicht bestanden haben. Die Lehrer, die weiterhin dem Geist von Grundgesetz und Landesverfassung folgen, haben die gleichen Freiräume wie die „Vielfalts“-Pädagogen und „Aufklärungs“-Gruppen, die an die Schulen drücken.

Zum Ersten zeigt sich, dass von den ersten grünen und roten Arbeits- und Positionspapieren bis zur Endfassung des Bildungsplans eine Verschiebung stattfand: Von „Sexualpädagogik der Vielfalt“ zur „geschlechtergerechten“ bzw. „geschlechtersensiblen Sprache“. Die Grünen führten bei der Bundesdelegiertenkonferenz im November 2015 die gendergerechte Sprache mit dem Sternchen ein.[3] Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht Grundlage für den Unterricht in Baden-Württemberg wird.

Die zweite Beobachtung ist die Verwischung statt Unterscheidung der Konzepte Toleranz und Akzeptanz. Daraus folgt für den Bereich der Sexualpädagogik auch eine Verwischung der Grenze zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Die Sexualität eines Individuums gehört zur geschützten Privatsphäre, und die gilt es auch in der Schule zu berücksichtigen. In der Landesverfassung heißt es, dass „in allen Schulen der Geist der Duldsamkeit und der sozialen Ethik“ zu walten habe. Dies gilt es weiterhin einzufordern!

Drittens kommen die Grundlagen der Leitperspektive BTV mit dem besonderen Schutz von Ehe und Familie nirgends in der Niveaukonkretisierung außerhalb des Religions- und Ethikunterrichts vor. Im Gegenteil, wenn man die Konkretisierungen der Leitperspektive BTV anschaut, dann sind diese ein Konglomerat dekonstruktivistischer Begriffe und Konzepte, u.a. personale Vielfalt, Antidiskriminierung, Formen von Vorurteilen, Stereotypen, Klischees, Akzeptanz anderer Lebensformen und Minderheitenschutz.

Viertens ist das Menschenbild des Bildungsplans eine isolierte Persönlichkeit, die auf andere isolierte Persönlichkeiten trifft. Was diese Persönlichkeiten eint, ist ihre gemeinsame „Akzeptanz von Vielfalt“, in der jeder so sein darf wie er ist. Diese isolierten Persönlichkeiten sollen sich in einem globalen Markt orientieren, ihre Wünsche als Konsument reflektieren und später als kompetente Akteure in einer globalisierten Wirtschaftsordnung zu Verfügung stehen. Was nicht zur Sprache kommt ist das, was der jüdische Philosoph Martin Buber als die Ich-Du-Beziehung bezeichnet hat, dass die Ich-Werdung immer am Gegenüber, am Du, geschieht.

Zuletzt erhalten durch den Aktionsplan Lobbygruppen wie LSBT-Aktionsgruppen, „Fluss e.V.“, etc. freien Zugang an Schulen. Die Aufgabenbereiche, die zu heiß für den Bildungsplan sind, werden an andere Akteure outgesourct. Die offene Flanke bleibt im Bildungsplan bestehen. In den Sprachformulierungen verklemmt, aber die Hintertüre geöffnet für Lobbygruppen, um an die Schulen zu kommen. Es besteht weiter die Notwenigkeit, aufmerksam zu sein.

Quellen

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