Warum der Bildungsplan nur noch verklemmt über Sexualität redet

Anfang April wurde der Bildungsplan 2016 für die allgemein bildenden Schulen Baden-Württembergs freigegeben. Dieser regelt, was in den nächsten zehn Jahren an den Schulen gelernt, gelehrt, und welche Kompetenzen erworben werden sollen. Erfreulich ist in der Einführung zum Bildungsplan der klare Bezug zur Landesverfassung und dem Beutelsbacher Konsens. Letzterer betont, 1) dass Schüler nicht überwältigt werden dürfen, 2) dass die Inhalte, die in Wissenschaft und Politik kontrovers sind, auch im Unterricht kontrovers erscheinen müssen und 3) dass die Schüler in die Lage versetzt werden, eine politische Situation der Gesellschaft und ihre eigene Interessenslage zu analysieren.

Es gibt Bereiche in der Endfassung des Bildungsplans, die weiterhin unausgegoren sind. Auseinander dividierende Entwicklungen und Widersprüche stehen nebeneinander (siehe 2.). So eröffnet der Bildungsplan 2016 unter der Leitperspektive Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt Freiräume für fragwürdige Konzepte, die es im Bildungsplan 2004 nicht gab. Der Streitpunkt der „Akzeptanz von Vielfalt“ stellt, und das muss man deutlich sagen, einen kleinen, relativ unbedeutenden Teil im Gesamtkonzept des Bildungsplans dar. Für das Gesamtgefüge sind zwei zentrale Fragen von großer Bedeutung:

  • Bleibt der pädagogische Freiraum gewahrt? Dies betrifft im Sekundarbereich vor allem die Realschulen. Die drei Niveaukonkretisierungen des Bildungsplans sind an der Gemeinschaftsschule ausgerichtet. Können die Lehrkräfte hier weiter in einer pädagogischen Freiheit agieren, oder müssen pädagogische Konzepte der Gemeinschaftsschule (z.B. individuelle Förderung) übernommen werden? Hier zeigt der eben unterzeichnete grün-schwarze Koalitionsvertrag in die richtige Richtung.
  • Sind die Ideen der „Selbstregulation der Schüler“ (Einleitung des Bildungsplans) überhaupt machbar? Sie basieren auf Vorstellungen des technischen Kreislaufs der Kybernetik und grenzen sehr stark an eine reformpädagogische Utopie.

Was die strittigen Bereiche der Leitperspektive Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt betrifft, drei Beobachtungen:

1. Verklemmungen beim Wort mit den drei Buchstaben

Im Fach Biologie, Naturphänomene und Technik (BNT) in Klasse 5+6, in dem der Sexualkundeunterricht in der Orientierungsstufe angesiedelt ist, bleibt alles in dem Rahmen, wie es die bisherige Gesetzgebung vorsieht, ohne ideologische Einseitigkeit. Die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ findet keinerlei Widerhall. Die im Fach Biologie unter „Fortpflanzung und Entwicklung“ dargelegten Kompetenzen stellen die Niveaukonkretisierungen 1-2 dar, die Entwicklung des Kindes im Mutterleib bis zur Geburt.  Die Niveaukonkretisierungen 3-5 gehen auf die Risiken und Gefahren der Schwangerschaft und die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung ein. In den Niveaukonkretisierungen 6-7 stellen Schülerinnen und Schüler die unterschiedlichen Formen der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität wertfrei dar und beschreiben die Bedeutung der Sexualität,  auch der gleichgeschlechtlichen, für die Partnerschaft (S. 21). Wenn man sich die abschließende Fassung des Bildungsplans zur Hand nimmt, fällt vor allem auf, dass in diesem nur noch verklemmt über Sexualität geredet wird. Nach den jetzt über zwei Jahren anhaltenden Kontroversen über die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ kann man nur verwundert sein, dass die Beschreibung der Bedeutung der Sexualität für die Partnerschaft kaum vorkommt. Ebenso wenig wird Sexualität in ihrem bio-psycho-sozialen Sinnzusammenhang dargestellt. Unverkrampfte Niveaukonkretisierungen, hätten dann ungefähr so aussehen:

Schülerinnen und Schülern wird beim Thema Fortpflanzung und Entwicklung ein Verständnis für sexuelle Abweichungen (wie z.B. Intersexualität) und Menschen mit Behinderungen (z.B. mit Gen-Defekten) vermittelt. Sie kennen den Wert verlässlicher Beziehungen und reflektieren deren Bedeutung für Staat und Gesellschaft in einer mobilen, globalen Welt.

2. Naturwissenschaftliche Erkenntnis vs. dekonstruktivistische Theorie

Im Fach Biologie taucht die Spannung zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und dekonstruktivistischer Theoriebildung deutlich hervor, wenn einerseits das Fach „eine Toleranz für unterschiedliche Formen der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität vermittelt“ (S. 4) und Schülerinnen und Schüler anderseits erklären sollen, dass das Geschlecht beim Menschen durch die Geschlechtschromosomen bestimmt wird (S. 29). Was nun? Gender oder Biologie, oder von beidem ein bisschen? Hier zeigt sich, dass die grün-roten Gender-Vordenker ein grundsätzliches Problem mit der Biologie haben.

Ein weiteres Beispiel: Einerseits soll bei gesellschaftlich relevanten biologischen Themen wie Gentechnik, Reproduktionsbiologie und unterschiedlichen Ernährungsweisen die Akzeptanz verschiedener Einstellungen gefördert werden (S. 4). Andererseits sollen gerade bei diesen Bereichen die Gefahren und der Gedanke der Nachhaltigkeit gefördert werden, was eben nicht auf eine „Akzeptanz verschiedener Einstellungen“, sondern auf die notwendige, nachhaltige und ethische Reflexion unterschiedlicher Kriterien zielt.

3. Vom Verschwinden der Ehe

In Gemeinschaftskunde steht in den Niveaukonkretisierungen zu Familie und Gesellschaft die Schülerinnen und Schüler „(1) unterschiedliche Lebensformen beziehungsweise Formen des Zusammenlebens beschreiben sollen. Die in der Anhörungsfassung aufgeführten Beispiel: Ehe, Eingetragene Lebenspartnerschaft, traditionelle Familie, Ein-Eltern-Familie, Patchwork-Familie, Paare ohne Kinder, Alleinlebende, Familien mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen wurden in der Endfassung komplett gestrichen. Zukunft-Verantwortung-Lernen e.V. hatte diese Aufzählung an sich gar nicht kritisiert, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass die bikulturellen Ehen und Familien, oder Familien aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen ausgeblendet würden und eine deutlichere Betonung haben sollten „Wenn das Zusammenleben unterschiedlicher kultureller Hintergründe in Ehe und Familie gelingt, stellt dies die beste Ressource für die Gesellschaft dar. Gelingt das Zusammenleben dort nicht, gerät die Gesellschaft in eine gefährliche Schieflage.“[i]

Was aber mit dem kompletten Herausstreichen des Satzes passiert ist, dass das Wort Ehe nicht ein einziges Mal auftaucht. In der Einführung zu der Leitperspektive für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV) werden „die Menschenwürde, das christliche Menschenbild sowie die staatliche Verfassung mit dem besonderen Schutz von Ehe und Familie“, als Grundlage der Leitperspektive genannt. Von der Ehe ist in der Leitperspektive in keiner einzigen Niveaukonkretisierung zu lesen. Das spiegelt eher das Anliegen, der Grünen Jugend[ii] wieder, die die Ehe abgeschafft sehen möchte, als dass man von einer Grundlage sprechen kann. Lediglich im Katholischen Religionsunterricht wird drei Mal auf die Ehe Bezug genommen, in Ethik zwei Mal (S. 33) und im Islamischen (S. 37) und im Ev. Religionsunterricht taucht die Ehe an einer Stelle auf. Im letzteren als „möglicher Fachbegriff“  (S. 38).

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