Sexualpädagogik der Vielfalt

Eine kritische Auseinandersetzung mit einer einfältigen Ideologie

Kultusminister Andreas Stoch hat in einem Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung und der FAZ vor Ostern deutlich gemacht, dass „Gender Mainstreaming“ und damit die „Dekonstruktion von Wertestrukturen“ nicht die Grundlage des Bildungsplans sein dürfe. Das ist eine erfreuliche Feststellung, die wenn sie zu Ende gedacht wird dort endet, wo die Bildungsplan-Petition anfing. In den Artikeln wird aber auch auf erschreckende Weise deutlich, dass der Kultusminister über das was ihn „auf die Palme“ bringt, sehr wenig bescheid weiß. Worüber reden wir also, wenn wir von „Sexualpädagogik der Vielfalt“ und „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ reden, die der Kultusminister so gerne strickt getrennt sehen möchte? Dies gibt es auch kompakt als Flyer zum download (355 kB) oder zum bestellen.

Anfang 2014 hat die Petition zum Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg die Aufmerksamkeit auf die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ gerichtet, die unter der Parole „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ einen Paradigmenwechsel in schulischen und vorschulischen Einrichtungen erreichen möchte. Überall in Europa wehren sich seither unterschiedlichste Initiativen aus Eltern- und Lehrerverbänden, Therapeuten und Wissenschaftlern gegen eine zutiefst ideologisch geprägte Sexualpädagogik, die durch die Hintertür staatlich finanzierter Programme und Institutionen und ohne demokratische Legitimation zunehmend Schulen und Kindergärten dominiert. Mittels wohlklingender Begriffe wie Antidiskriminierung, Vielfalt, sexuelle Gesundheit, sexuelle Bildung und Prävention und durch Berufung auf „die Experten“ konnten Ziele und Methoden bereits Fuß fassen, die bei Licht betrachtet:

  1. keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten und
  2. einen massiven destruktiven Einfluss auf die sexuelle Lerngeschichte von Kindern und Jugendlichen haben.

Ein Blick auf die Sex-„Experten“ und ihre Denkweise

Wer sind „die Experten“ und was steht hinter den wohlklingenden Begriffen wie „sexuelle Bildung“? Vordenker und zentrale Schlüsselfigur dieser Sexualpädagogik ist Prof. Uwe Sielert(Kiel). Er leitet u.a. die Gesellschaft für Sexualpädagogik gsp, ist als Berater, Ausbilder oder wissenschaftlicher Beirat in nahezu allen sexualpädagogischen Institutionen vertreten und arbeitet sehr eng mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zusammen, für die er auch publiziert. Dadurch sind Sielerts Vorstellungen auch in die Standards der Weltgesundheitsorganisation (WHO), den WHO Standards für die Sexualaufklärung in Europa (2011) aufgenommen worden. Sielerts Theorien gehen u.a. auf triebmythologische und neomarxistische Theorien Wilhelm Reichs zurück, die in der sexuellen Befreiung von Kindern die Voraussetzung zur Überwindung der bürgerlichen Familie und von Herrschafts- und Machtstrukturen sahen und auf die emanzipatorische Sexualpädagogik des pädosexuellen Aktivisten Helmut Kentler. Zudem spielen in seinem Denken die Gendertheorien und dekonstruktivistische Queertheorien eine wichtige Rolle, nach denen alle natürlichen Ordnungen und alle Unterscheidungen (diskriminare = unterscheiden) wie Mann/Frau, homo/hetero, normal/pervers aufgelöst werden müssen, um Diskriminierungen abzubauen. Nach Sielert ist schon die Bezeichnung als „Mann“ und „Frau“ ein Gewaltakt. Ziele der Sexualpädagogik sollen darum „die Entnaturalisierung von Heterosexualität, Generativität und Kernfamilie“ sein sowie explizit auch die „Veruneindeutigung“ und „Verwirrung Jugendlicher“. Kinder sollen durch Methoden zur „Vervielfältigung von Sexualitäten, Identitäten und Körpern“ zur Multioptionalität (bi-, trans-, poly- und pansexuell) erzogen werden.

Es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege und keine Legitimation für diese weltanschaulich gefärbte Sexualpädagogik. Sielert u.a. verstehen Sexualität als eine Lust- und Energiequelle, die von Geburt an gefördert und stimuliert werden soll. Kindliche und erwachsene Sexualität wird als ein Kontinuum gesehen. Daraus folgt, dass es ein „Kinderrecht“ sei, so früh wie möglich zu sinnlich-erotischen Erfahrungen angeregt zu werden. Ausgehend von dieser Sichtweise von Sexualität wird der Begriff der sexuellen Bildung abgeleitet, den Sielert 2008 eingeführt und die WHO von ihm übernommen hat.

„Wissensvermittlung, die nicht an Erfahrung anknüpfen kann, bleibt unverständlich.“
 „…So müssen Mädchen etwas bewusster und öfter ermuntert werden, … sich an der Klitoris zu streicheln, um sich selbst Lust machen zu können.“
Sielert, in „Lisa und Jan“ 1996

 WHO Standards 0-4 Jahre:
Wissen und Kompetenzen vermitteln: Masturbation und Doktorspiele

Was verstehen die Sex-„Experten“ unter „sexueller Bildung“?

Sielert stellt fest: Kinder lernen primär über Erfahrung. Wenn man ihnen also etwas über Sexualität vermitteln will, muss man nach seiner Logik sie zu sexuellen Erfahrungen anregen. „Sexuelle Bildung“ meint also, Kindern Wissen über sexuelle Lustquellen zu vermitteln und sie etwa zu Masturbation und Doktorspielen anzuregen. Dies sehen die WHO-Standards schon für 0-4-Jährige vor.

„… Kinder brauchen die Möglichkeit, möglichst unzensierte Intimkontakte mit anderen Kindern aufzunehmen, wenn sie nicht auf die Eltern fixiert bleiben sollen.“
Bild und Text aus: „Lisa und Jan“ (Herrath/Sielert 1996)

Herrath/Sielert: Lisa und Jan

Weil die eigenen Erfahrungen nicht ausreichen, braucht es dafür auch andere Kinder: „Kinder brauchen andere Kinder […] vor allem für das sexuelle Lernen mit allen seinen Facetten“ und „Es ist relativ klar, daß sie alles das ausprobieren wollen, was sie erklärt bekommen.“ (Herrath/Sielert 1996)

Kinder wollen ausprobieren, was man ihnen zeigt. Dieses „Lernen“ wird durch Aufklärungsbücher unterstützt, die auch zeigen, wie Geschlechtsverkehr geht, wie man sich selbst oder anderen Lust macht oder die beschreiben, wie lustvoll es etwa sei, den Anus zu streicheln. Beim Nachahmen sexueller Szenen an anderen Kindern soll möglichst kein Erwachsener zuschauen, der vielleicht ein Problem damit hat. Die „sexualfreundliche Erziehung“ in Kitas sieht darum z.B. nicht einsehbare Kuschelhöhlen für Masturbation und Doktorspiele vor.

Sexuelle Bildung in der Schule: Förderung der„Akzeptanz sexueller Vielfalt“

Bei Schulkindern und Jugendlichen geht es um die Vermittlung der Vielfalt von sexuellen Praktiken und Lebensweisen und um die Botschaft: Alle Spielarten, Lebensweisen und Praktiken sind gleichwertig zu betrachten. Etwas überspitzt: Die Benutzung der Taschenmuschi auf der Schultoilette ist genauso wertvoll wie die romantische Hochzeitsnacht. Prostitution anzubieten oder einzukaufen ist auch völlig okay, soll den Jugendlichen laut Praxisbuch „Sexualpädagogik der Vielfalt“ (Tuider et al. 2012) vermittelt werden. In den wohlklingenden Worten der WHO-Standards heißen diese Lernziele (schon für 4-6-Jährige):

„Anerkennung von Vielfalt“, „Bewusstsein, wählen zu können“, „offene Haltung, frei von Werturteilen“, „Anerkennung der verschiedenen Normen zur Sexualität“.

Um keine sexuelle Orientierung zu diskriminieren, wird Oral- und Analsex als allgemein übliche Sexualpraktik vorgestellt und ausschließlich positiv bewertet. Dass fast alle Mädchen dies ekelig und demütigend empfinden, spielt keine Rolle. Der Druck auf Mädchen, pornografische Standards zu erfüllen, wird so durch eine „Sexualpädagogik der Vielfalt“ noch massiv verstärkt. Zu den Methoden der Sexualpädagogik gehört auch die Konfrontation mit Sexspielzeug und Materialien wie Dildo, Lack, Latex, Leder, Handschellen, Aktfoto, Potenzmittel, Vaginalkugeln etc. Selbst bei knapper Zeit soll der Aspekt der Vielfalt vermittelt werden, etwa durch Fragen wie „Wo könnte der Penis sonst noch stecken?“ (Tuider et al.: 2012). Fächerübergreifend, z.B. durch Catullgedichte im Lateinunterricht, sollen vielfältige sexuelle Neigungen thematisiert werden. Inzwischen sind Therapeuten die traumatisierenden Folgen solcher Unterrichtsinhalte bekannt.

Sexuelle Belästigung oder „Recht auf sexuelle Selbstbestimmung“?

Stellt diese unfreiwillige Konfrontation Heranwachsender mit extrem schamverletzenden und sexuell grenzverletzenden Inhalten keine sexuelle Belästigung dar? Hier wird nun mit dem Begriff der sexuellen Selbstbestimmung gearbeitet. „Selbstbestimmung bedeutet dabei auch das Recht auf Information, Irritation, Neugierde, Angst, gute und schlechte Erfahrungen“ (Hummert 2011). Diese Annahme, Kinder seien weitgehend autonome Subjekte, die wissen, was sie wollen und brauchen, geht auf die emanzipatorische Sexualpädagogik Helmut Kentlers zurück. In der deutschen Fassung der WHO-Standards (2011:26) wird diese krude Sicht übernommen:

Kinder finden durch Sexualkontakte untereinander heraus, was sie mögen und was nicht. „Auf gleiche Weise entstehen auch ihre Normen und Werte in Bezug auf Sexualität.“ Welche Normen und Werte werden das wohl sein? Zentraler Wert: Benutze andere als Lustquelle! Aus entwicklungspsychologischer und traumatherapeutischer Sicht sind diese Annahmen unhaltbar. Sexuelle Scham- und Grenzverletzungen führen zu Irritation, Angst, Sprachlosigkeit und innerer Lähmung. Solche Übergriffe kommen oft erst viele Jahre später in der Therapie zur Sprache, finden aber kaum den Weg in die öffentliche Diskussion.

Die einfältige Reduktion der „Vielfalts-Sexualität“

Die Reduktion von Sexualität auf den Lustaspekt und auf die Vielfalt von Optionen entspricht dem pornografischen Paradigma. Entsprechend werden die negativen Folgen von Pornografiekonsum und von sexueller Freizügigkeit verschwiegen, während sexuelle Treue in Beziehungen und romantische Liebespartnerschaft als „Liebesideologie“ abgewertet werden. Jugendliche bekommen keine Orientierung hin zu bindungsorientierter Sexualität und stabilen Paarbeziehungen, obwohl das ihrer tiefen Sehnsucht entspricht. Personen wie Sielert und Tuider haben keine legitime Deutungshoheit darüber, wie Sexualpädagogik an deutschen Schulen aussehen soll, auch wenn sie ihre Ansätze gerne als alternativlos darstellen.

Es gibt bindungsorientierte Ansätze in der Sexualpädagogik. Hier ist vor allem das Praxiswerk von Tabea Freitag, „Fit for Love? Praxisbuch zur Prävention von Internet-Pornografiekonsum. Eine bindungsorientierte Sexualpädagogik“ zu nennen und die „Prinzipien Sexualpädagogik“ (Gerl-Falkovitz 2014), die von einem breiten Kreis an Fachleuten erarbeitet wurden.

Welches Verständnis von Sexualität und Erotik sollen unsere Kinder und Enkel vermittelt bekommen?

  • Wollen Sie, dass Kinder Sexualität verstehen als egozentrische Suche nach Lustquellen, als  verfügbares Konsum- und Tauschmittel auf dem Markt der unbegrenzten Optionen und Praktiken? Dass sie detaillierte Kenntnis von einer Vielzahl sexueller Praktiken in der Schule vermittelt bekommen und ihnen damit die eigene Entdeckungsreise von Liebe und Sexualität gestohlen wird?
  • Wollen Sie, dass Ihre Kinder angeregt werden zu sexuellen Handlungen an sich und anderen? Oder wollen Sie, dass Ihre Kinder und Enkel Sexualität in ihrem Sinnzusammenhang verstehen und sie in ihrer Empathie- und Bindungsfähigkeit gestärkt werden?
  • Wollen Sie, dass sie vor schamverletzenden Inhalten geschützt werden?

Um nichts weniger als das geht es hier: Die Beantwortung dieser Frage(n) und die damit verbundene Entscheidung, die Sie treffen werden, hat langfristige gesellschaftlichen Auswirkungen für Ihr Bundesland, die in ihrer Tragweite gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Informieren Sie Verantwortliche in Ihrer Schule, Kindergarten, Kita und Freunde in ihrem Bekanntenkreis.

Verwendete Literatur

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