Sackgasse „Sexuelle Vielfalt“

Innerhalb der LSBTTIQ-Community hat sich eine Kontroverse über den nichtssagenden und euphemistischen Begriff „Sexuelle Vielfalt“ entwickelt. Der CSD Deutschland e.V. möchte den Begriff durch „menschliche Vielfalt“ ersetzen. Das Fazit, das die Autoren ziehen, kommt einem Eingeständnis gleich, dass die im Schatten der Bildungsplanreform geführte Kampagne um sexuelle Vielfalt gescheitert ist:

„Der Begriff ‚sexuelle Vielfalt’ bietet Gegner*innen eine enorme Angriffsfläche, der wir kaum etwas entgegen zu setzen haben. In dem Moment, in dem wir unsere Begrifflichkeiten erklären müssen, um uns verständlich zu machen, haben wir schon verloren“ (S. 4).

Das Faustische Dilemma

Es sind weniger die Gegner, die die Begrifflichkeiten um „sexuelle Vielfalt“ auflaufen ließen. Vielmehr ist es ein klassischen Beispiel für einen faustischen Pakt: Die Geister der „sexuellen Vielfalt“, die sie riefen, werden sie nun nicht mehr los, weder der CSD noch das LSBTTIQ-Netzwerk noch Kultusminister Andreas Stoch mit seinem neuen Bildungsplan. Die Vermengung unterschiedlichster Anliegen, was den Durchbruch schlechthin darstellen sollte, ist an seiner eigenen Unstimmigkeiten gescheitert. Was kann man daraus folgern? Drei Gedanken zur aktuellen Debatte:

Nach der Gender- kommt die Intersektionalitäts-Debatte

Der ehrliche Debattenbeitrag des CSD Deutschland zeigt, dass die Diversity- und die Gender-Debatten ihren Zenit überschritten haben. Letzteres wurde schon bei der zweiten Ausstrahlung von „Hart aber fair“ am 7.09.2015 deutlich. Die neue Richtung heißt Intersektionalität. Vom Englischen intersection (= Schnittpunkt, Schnittmenge) abgeleitet, beschreitet es die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungsformen, wie z.B.  „Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Herkunft, Religion/Weltanschauung und Behinderung/physische und psychische Befähigung“ (S. 3). Neben den Mehrfachdiskriminierungen ließen sich durch diesen intersektionalen Zuschnitt „Menschliche Vielfalt“ besser beschrieben: „Wir sind alle verschieden und doch gleich“ (S. 3). Dieses Vielfalts-Potential birgt aus Sicht der Autoren „enorme Vorteile für ein besseres Miteinander und die effektivere Nutzung der verschiedenen Potenziale“.

Vervielfältigungs-Industrie noch nicht am Ende

Wurden bei den Leitprinzipien des Bildungsplan „nur“ sechs Buchstaben des Begriffsungetüms LSBTTI  eingeführt, so kamen in den letzten Monaten noch zwei hinzu: Q für „queer“ und neuerdings A für „asexuell“. Ein Ende der Buchstabenfolge ist noch nicht abzusehen. Es bleibt abzuwarten, ob die Asexualität ähnlich wie die Intersexualität nur für das eigene Vielfalts-Aushängeschild gebraucht wird, oder ob tatsächlich konkrete Menschen mit ihren Anliegen durch die Interessenvertreter repräsentiert werden.
So rührig sich die Autoren um sprachliche und begriffliche Klarheit bemühen, bleibt der Karren im Schlamm stecken. Asexualität ist für sie sowohl ein Begriff der „sexuellen Orientierung“ als auch der „sexuellen Identität“. Ersteres ist klar, ob man aber von Asexualität im Hinblick auf die Identität eines Menschen sprechen kann, ist höchst umstritten. Dies würde lediglich die betroffene Person unter dem gender-Aspekt (soziales oder vielmehr gefühltes Geschlecht) definieren. Der biologische Aspekt sex bleibt dabei außen vor. Hier wird ein reduktionistisches Menschenbild deutlich, das den Menschen nur darüber definiert, dass er einen Körper hat. Vielmehr zeichnet es aber den Menschen aus, dass er Leib ist. An dieser nicht beachteten fundamentalen Unterscheidung kranken nicht nur die Vielfältigkeitsbemühungen der sexuellen Vielfalt, sondern viele gegenwärtige Gender-Diskurse.

Das allgegenwärtige „P-Tabu“

In dem Dokument wird immer wieder die offene Flanke angedeutet, warum die Vielfalt-Kampagne im Sand stecken blieb. Es ist die unbeantwortete Frage des Kindeswohls und der Schutz der Kinder vor sexuellen Übergriffen. Da hilft es nicht zu lamentieren, dass es „Verleumderische und reaktionäre Attacken“ der Gegner gebe. Die Aussagen eines führenden baden-württembergischen Pädophilenvertreters am Rande einer der Gegendemos in Stuttgart, dass die Pädophilen langfristig vom Vielfalts-Paradigma des Bildungsplans profitieren werden, war seither Wasser auf die Mühlen der Bildungsplankritiker. Solange Kultusminister Stoch nicht klarstellt, welches Personal er an die Schulen zu „Aufklärungszwecken“ herein lässt und einlädt, welche Unterrichtsmaterialien er jetzt ausschließt und wie er dafür sorgt, dass das Indoktrinierungsverbot aufrecht erhalten bleibt, wird die Protestwelle um die „sexuelle Vielfalt“ nicht abebben, sondern größer werden.

Zurück