Kretschmanns Abstecher in die Realität

Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der Baden-Württemberg zum „Vorreiter für Offenheit und Vielfalt“ machen will, und in den Bundesrat eine Initiative zur „Ehe für alle“ eingebracht hatte, sorgte Anfang Oktober 2016 zum wiederholten Mal für Kopfschütteln in seiner eigenen Partei. In einem inzwischen viel zitierten Beitrag für DIE ZEIT äußerte er: „So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so.Nach massiver Kritik und einem Shitstorm aus der eigenen Partei und in den sozialen Medien versuchte er eilig, seine Aussagen zu erklären und zu relativieren, aber die Frage bleibt, ob der Alt-68-er hier eine politische Kehrtwende vollzogen hat oder nicht?

Fest steht: Winfried Kretschmann wird 2021 aus Altersgründen nicht noch einmal Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden wollen. Er hat längst erkannt, dass man in Baden-Württemberg weder gegen die Wirtschaft, die mittelständische Industrie, noch gegen das christlich geprägte Verständnis der traditionellen Familie regieren kann. Zu dieser Einsicht haben sicherlich auch unsere Online-Petition zum Bildungsplan und die regelmäßigen Demos für Alle in der Stuttgarter Innenstadt beigetragen. Obwohl inzwischen fast niemand im „Ländle“ mehr über das Thema „Bildungsplan“ redet, lobt Kretschmann plötzlich die klassische Ehe. Zeigt sich hier ein Langzeiteffekt unseres Engagements und unserer Proteste in den letzten Jahren? Wurden früher die Kritiker des Bildungsplans noch als „homophob“ und „rechtspopulistisch“ beschimpft, so wurden diese Worte in den letzten Wochen aus den Reihen der Grünen über Winfried Kretschmann und Boris Palmer ausgesprochen. Ein treffendes Gedicht dazu hat der Komiker Helge Thun verfasst.

Wer hätte vor ein paar Monaten gedacht, dass ausgerechnet die Grünen sich inzwischen beim Thema „klassische Ehe“ zerstreiten und sich gegenseitig innerhalb der Partei beleidigen? Wie sehr der Ministerpräsident sich politisch verändert hat, ist schwer zu beantworten, aber zumindest hat er verstanden, dass eine Mehrheit der Menschen und Familien in unserem Land auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auf das Modell Ehe aus Mann und Frau setzen wird, und dass man diese Menschen auch nicht durch unzählige Gender-Initiativen verändern, sondern eher in ihren Ansichten bestärken wird. Winfried Kretschmann ist in dem ZEIT-Artikel aus dem postfaktischen Zeitalter, in dem die tatsächlichen Gegebenheiten keine Rolle mehr spielen, wenn auch nur kurz in der Realität angekommen – und das ist auch gut so.

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