Geschlechtergerechte Sprache im Bildungsplan

Wie nach der Kontroverse um die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ der nächste Schachzug im Gender-Play gespielt wird

Diesen Post gibt es auch als Flyer. Zum Download geht es hier, zur Bestellung hier. Die Bildungsplan-Petition an den baden-württembergischen Landtag löste im Frühjahr 2014 eine wochenlange Debatte um die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Querprinzip des Bildungsplans aus. Im April 2014 lenkte die Landesregierung ein und wandelte die fünf Leitprinzipien in sechs Leitperspektiven um. Das Querprinzip „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ wurde in die sechste Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ integriert. In der Anhörungsfassung des erstmals im September 2015 vollständig vorliegenden Bildungsplans wurde das Thema moderat behandelt. Ein Trend lässt sich beobachten: Die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ spielt eine untergeordnete Rolle, jetzt geht es um die Durchführung der „geschlechtergerechten bzw. geschlechtersensiblen Sprache“. Wie bei der Auseinandersetzung mit der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ zeigt sich, dass die Ideen aus dem Stuttgarter Kultusministerium ganz am Puls der Zeit sein möchten. Schon der von der grün-roten Landesregierung im Juni 2015 verabschiedete Aktionsplan „Für Akzeptanz und gleiche Rechte“ forderte, der Diskriminierung durch Sprache vorzubeugen. Geeignetes Mittel für eine gendersensible Schreibweise sei der Unterstrich bzw. das „Gender Gap“, wie z.B. Schüler_innen (MASFFS 2015:6).

Parteitagsbeschluss statt Duden-Redaktion

Im November 2015 nahm die Entwicklung Fahrt auf: Die Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen traf am 22.11.2015 den Beschluss, die deutsche Sprache zu gendern, d.h. eine geschlechtergerechte bzw. geschlechtersensible Sprache einzuführen. Dies soll dadurch geschehen, dass beide Geschlechter explizit sichtbar gemacht werden und somit gleichberechtigt sind, wie z.B. Ärztinnen und Ärzte. Der Diskriminierung der bisher unsichtbar gebliebenen transsexuellen, transgender und intersexuellen Personen soll das Gendersternchen entgegenwirken. Deshalb wird der Gender-Star zum Regelfall, wie die Schreibweise Bürger*innen, Student*innen zeigt (Bündnis 90/Die Grünen 2015:240). Die Grünen gedenken nach der Landtagswahl 2016 weiterhin den Ministerpräsidenten in dem Bundesland der Dichter und Denker zu stellen, und man gewinnt den Eindruck, ihre Parteibeschlüsse würden bereits der Duden-Redaktion den Rang ablaufen. Angesichts dieser Vorstöße ist zu fragen,

  • ob der Bildungsplan den Vorgaben einer Partei folgt bzw. er diesen Beschlüssen Tor und Tür öffnet,
  • was Gendern konkret bedeutet und woher diese Ideen kommen,
  • wo sich Anhaltspunkte zum Gendern der Sprache im Bildungsplan finden.

Gender – was ist damit gemeint?

Die englische Sprache unterscheidet zwischen gender, dem grammatikalischen Geschlecht, und sex, dem biologischen Geschlecht. Seit den 1990er Jahren verwendet man in den Kulturwissenschaften den Begriff gender auch, um das sogenannte „soziale Geschlecht“ bzw. die „Geschlechterrollen“ zu beschreiben. In der politischen Diskussion um Gender wird meist mit einem harten und einem weichen Begriff gearbeitet. Die harte Form sieht in den Geschlechtern durchweg eine „soziale Konstruktion“ und keine Konstruktion von Natur und Kultur. Wenn Geschlecht also nur sozial konstruiert ist, kann man dieses auch sozial dekonstruieren. Die weiche Form des Gender-Begriffs steht für die Bereitschaft, Unterschiede zwischen Mann und Frau anzuerkennen, diesen Unterschieden gerecht zu werden und einen pragmatischen Umgang aus den Ungleichheiten und den unterschiedlichen Bedürfnissen zu finden (Schmid 2015:22-23). Vereinfacht gesagt steht der weiche Begriff für Gleichberechtigung, der harte für Gleichstellung.

Geschlechtergerechte Sprache im Bildungsplan

Die geschlechtergerechte Sprache wird in der Verwendung der weiblichen und männlichen Form im Bildungsplan in allen Fächern als Standard festgelegt. Das ist an sich in Ordnung, auch wenn diese Praxis rasch an die Grenzen des Praktikablen stößt, wie es der geschlechtergerecht formulierte dritte Absatz des Artikels 69 des Grundgesetzes verdeutlicht: Auf Ersuchen des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin ist der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin, auf Ersuchen des Bundeskanzlers oder der Bundeskanzlerin oder des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin ein Bundesminister oder eine Bundesministerin verpflichtet, die Geschäfte bis zur Ernennung seines oder ihres Nachfolgers oder seiner oder ihrer Nachfolgerin weiterzuführen (Kubelik 2015:172). Es geht aber bei der geschlechtergerechten Sprache im Bildungsplan nicht nur um die Doppelformulierungen, sondern um den Unterricht als Ganzen. In den prozessbezogenen Kompetenzen des Sprechens und Zuhörens im Fach Deutsch heißt es: Grundsätzlich sind [die Schülerinnen und Schüler] bemüht, eine wertschätzende und geschlechtersensible Sprache zu verwenden (Sek. I, S. 12 / Gymnasium S. 12). Die Schülerinnen und Schüler sollen im Deutschunterricht eine Diskussion über das „generische Maskulinum“ führen, das Personen(gruppen) betrifft, bei denen das Geschlecht unbekannt ist, oder männliche wie weibliche Personen gemeint sind wie bei den Wörtern der Mensch oder der Gast (Sek. I, S. 80./Gymnasium S. 49). Hier wird das generische Maskulinum unter den Generalverdacht gestellt, die Herrschaft des Männlichen über das Weibliche zu verfestigen, ja sogar mit zu schaffen! Das führt zur misstrauischen Hinterfragung unserer Sprache, die an die Misstrauen säende und Verwirrung stiftende Frage der Schlange an Eva in Genesis 2 erinnert: „Sollte Gott gesagt haben … alle Früchte sind verboten ?“ – „Sollte die deutsche Sprache uns glauben machen… es wären nur Männer gemeint?“ Eine Diskussion über das generische Femininum (die Person) oder über das generische Neutrum (das Mitglied) sieht der Bildungsplan inkonsequenter Weise nicht vor.

In den Leitgedanken zum Kompetenzerwerb im Fach Deutsch heißt es: Die Kenntnis und Einhaltung kommunikativer Regeln ermöglicht situativ angemessenes Sprechen unter Berücksichtigung eines geschlechtersensiblen Sprachgebrauchs und strebt prinzipiell ein symmetrisches Kommunikationsverhalten an (Sek. I, S. 7./ Gymnasium S. 7). Ein „symmetrisches Kommunikationsverhalten“, im Sinne der Leitfäden feministischen Sprachhandelns, zielt letztlich auf ein aufgeblähtes Genus-System, in dem stets alle Genera einzeln angezeigt werden. „Da die Grundlage nicht stimmt, verkehren die Maßnahmen die deutsche Sprache in ihr Gegenteil. Die Sache geht also vorne und hinten nicht auf, wodurch erst der kreative Sprachgebrauch als willkürliche Wahl der am wenigsten falschen Maßnahme notwendig wird“ (Scholten 2014:13). So ein System wäre regelrecht sprachzersetzend – wohl mit Absicht, denn Sprache ist nach dieser Denkart ja Herrschaft. Aber soll der Deutsch-Unterricht in Baden-Württemberg wirklich der Demontage der deutschen Sprache dienen?

Sprache gendern?

Diskriminiert die deutsche Sprache wirklich die Geschlechter? Durch die sexistische Brille betrachtet mag das „generische Maskulinum“ als Machtinstrument erscheinen. Dann aber müsste konsequenterweise auch der deutsche Plural, der lediglich mit dem weiblichen Artikel operiert (die Männer, die Geschäfte), auf die Anklagebank. An dem aber hat sich interessanterweise noch keine Interessensgruppe wegen sprachlicher Unsichtbarmachung gestoßen. Nein: Die deutsche Sprache diskriminiert nicht, wenn man die Sprachentwicklung betrachtet. Der Ursprung und die Entwicklung der drei Genera ist nicht abschließend geklärt. Geschlechtsspezifisch sind nur die blanken Geschlechtsbegriffe, die Männer als Männer und Frauen als Frauen bezeichnen.

In den indogermanischen Sprachen, so auch im Deutschen, gilt seit dem Urindogermanischen

  1. das Maskulinum als das Standardgeschlecht (z.B. der Baum, der Tisch), während
  2. das Neutrum zu Substantiven gehört, die den Inhalt oder das Ergebnis einer konkreten Handlung bezeichnen (z.B. das Rad, das Leid),
  3. das Femininum zu Ableitungen mit komplexer abstrakter Bedeutung (z.B. die Liebe, die Demokratie) bzw. zu spezifischen substantivierenden Endungen (-keit, -heit, -ung) (Scholten 2014:1-9).

Die Argumentation, die dem „geschlechtergerechten Denken“ vorausgeht, ist das Stereotyp der jahrtausendealten Unterjochung der Frau durch den Mann. Sprache diente dem Mann dabei angeblich als das Werkzeug, weil diese nur vom Mann redet, von der Frau aber schweigt. Die vergleichende Linguistik lässt diese Sicht in sich zusammenfallen: Die Turksprachen etwa kennen gar keine grammatischen Geschlechter und nur ein Pronomen für alles: Dinge und Personen, Männer und Frauen. Daraus könnte man folgern, dass, weil sich doch zum Beispiel in der türkischen Kultur die Dominanz des Mannes in der Sprache nicht niederschlägt, sie auch im Denken nicht tief verankert sein kann. Man sieht: Realität und Wunschdenken sind zwei verschiedene Sachen (Scholten 2014:11-14).

Welchen Sinn macht das Gendern von Sprache, wenn es darin doch gar nicht um biologische Geschlechter geht? Die Antwort ist einfach: Es handelt sich um ein politisches Programm, das in weitgehender Unkenntnis der Herkunft der Sprache argumentiert und die Sprache ganz bewusst selbst als Mittel der Indoktrinierung instrumentalisiert: Dem „richtigen Sprechen und Schreiben“ soll das „richtige Denken“ folgen. Dieses Vorgehen ist ideologisch motiviert und dem Wesen nach totalitär. Eine künstlich geschaffene Sprache erinnert sehr an das, was George Orwell in seinem Zukunftsroman 1984 als Neu-Sprech bezeichnet hat, mit der das Denken der Bürger im Sinn der herrschenden Doktrin programmiert werden sollte (Kubelik 2014:179).

Wie soll Sprache in der Schule vermittelt werden?

Einem Aspekt in der Diskussion um die geschlechtersensible Sprache ist zuzustimmen: Die Einführung und Durchsetzung einer von gegenseitiger Wertschätzung geprägten Sprache ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, aber auch ein zentrales Bildungsziel der Schulen, in der eine diskriminierungsfreie Sprache herrscht, die ohne „schwule Sau“, „hey Alda da“ noch „Spastis“ oder „Mongo“ auskommt.

  • Die große Herausforderung an den Schulen ist die Vermittlung des sinnentnehmenden Lesens, was Studien wie PISA u.a. deutlich machen. Das Gendern von Sprache in all seinen Spielarten, inklusive Gendersternchen, Binnen-I und Doppelnennung, erschwert erheblich das Lese- und Hörverständnis und benachteiligt zudem die Schüler, die nicht Deutsch als Muttersprache haben.
  • Die grundlegende Frage, was denn geschlechtergerecht ist, wird interessanterweise nirgendwo beantwortet. Wenn man aber einen so hoch stehenden Wertebegriff einführt, sollte er auch klar definiert werden. Daraus folgt: Wer bestimmt eigentlich, was gerecht und sensibel im Gender-Deutsch ist, und was nicht? Wie soll die geschlechtergerechte Sprache im Fremdsprachenunterricht aussehen?
  • In den letzten Jahren haben methodische Einseitigkeiten wie bspw. der ausschließliche Einsatz des „Lesen durch Schreiben“ (Reichen-Methode) zu verheerenden Folgen in der Rechtschreibkompetenz ganzer Schülergenerationen geführt (Becker-Mrotzek et al. 2014:8). Solche Effekte gilt es zu vermeiden. Dass die „geschlechtergerechten“ Doppelnennungen rasch an die Grenzen des Praktikablen stoßen, räumt schon der Bildungsplan selbst ein (Sek. I, S. 84./ Gymnasium S. 65).
  • Durch die geschlechtergerechte Sprache wird Sprache sexualisiert. Ihr wird die Möglichkeit geraubt, geschlechtsübergreifend zu sprechen. Die Sexismus-Falle schnappt allzu schnell zu: „Die penetrante Betonung des Geschlechts, wo es irrelevant ist, führt zu einer subtilen Form der Diskriminierung, nach dem Motto: Seht her, Frauen gehören auch dazu“ (Kubelik 2015:176).

Die Beobachtung des französischen Philosophen Michel Foucault war, dass Sprache festlegt, was als Wahrheit gilt. In der Sprache geht es um Ausübung von Macht. Wer festlegt, wie die Sprache gebraucht, gedeutet und umgedeutet wird, übt Macht und Herrschaft aus (Rödder 2014:7). Eine Diskussion über die sprachmanipulatorischen Ansätze und einem orwellschen Gender-Sprech, denen der Bildungsplan Tor und Tür öffnet, ist überfällig. Ebenso unerlässlich ist eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, auf welches kulturelle Wertgefüge sich unser Denken, Reden und Handeln hinbewegt.

Verwendete Literatur

Becker-Mrotzek, Michael/ Günther, Hartmut/ Jambor-Fahlen, Simone. 2014. Rechtschreibung ist kein Selbstzweck, in: FAZ vom 11.09.2014, S. 8.

Kubelik, Tomas. 2015. Wie Gendern unsere Sprache verhunzt, in: Günther, Christian/ Reichel, Werner (Hg.). 2015. Genderismus(s). Der Masterplan für die geschlechtslose Gesellschaft. Wien: Frank & Frei. S. 161-182.

Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. 2015. Gemeinsamer Bildungsplan der Sekundarstufe I und der Oberstufenplan der Gemeinschaftsschule. Anhörungsfassung Deutsch, in: http://www.bildungsplaene-bw.de/site/bildungsplan/get/documents/lsbw/export-pdf/a/sek1/D/bildungsplan_a_sek1_D.pdf

Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. 2015. Bildungsplan Gymnasium. Anhörungsfassung Deutsch, in: http://www.bildungsplaene-bw.de/site/bildungsplan/get/documents/lsbw/export-pdf/a/gym/D/bildungsplan_a_gym_D.pdf

Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg. 2015. Aktionsplan für Akzeptanz und gleiche Rechte Baden-Württemberg. Stuttgart: MASFFS BW, in: http://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-sm/intern/downloads/Downloads_Offenheit_und_Akzeptanz/Aktionsplan_Akzeptanz_2015.pdf

39. Ordentliche Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen, 20.-22. November 2015, Halle an der Saale, in: https://bdk.antragsgruen.de/39/motion/pdfcollection

Orwell, George. 1984; Erstausgabe 1949. 1984. Sankt Augustin: Hans Richarz.

Rödder, Andreas. 2014. Wohin führt die Kultur der Inklusion?, in: FAZ vom 7.07.2014, S. 6, in: http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/gesellschaft-wohin-fuehrt-die-kultur-der-inklusion-13030838.html

Schmid, Wilhelm. 2015. Sexout. Und die Kunst neu anzufangen. Berlin: Insel Verlag, S. 22-23.

Scholten, Daniel. 2014. Der Führerin entgegen! Was die wissenschaftliche Erforschung des deutschen Genussystems zur Genderideologie und ihrem Gendersprech zu sagen hat, in: Belles Lettres – Deutsch für Dichter und Denker,  S. 1-9, , in: http://www.belleslettres.eu/print/genus-gendersprech-v1.pdf

Sie können die Flyer bestellen unter: Zukunft – Verantwortung – Lernen e.V., Im Steig 4, 71159 Mötzingen.

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